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IM FOKUS

Im Fokus, November 2019

Angebirscht

Für Jäger und Naturinteressierte bietet jeder Monat des Jahres seine Highlights. Während manche Naturschauspiele, wie Brunft oder Balz, meist recht spektakulär ablaufen, gibt es auch zahlreiche Details, die uns auf den ersten Blick verborgen ­bleiben. Zeit, diese vor den Vorhang zu holen. – 8. Teil: Gamswild.

Oliver Deck, MSc 

Der Winter klopft bereits an die Tür. Die Laubbäume haben ihre Blätter abgeworfen, und auch die Tierwelt stellt sich auf die ungemütliche Jahreszeit ein. Während Fasane damit beschäftigt sind, geeignete Winterquartiere auf­zusuchen und Rehböcke ihre Stangen abwerfen, kommt das Sikawild nach der Brunft langsam zur Ruhe. Alles ­bereitet sich auf den Winter vor, wie es scheint. Doch der Schein trügt. Richten wir unseren Blick ins Gebirge, können wir eine Wildart beobachten, die im November erst richtig aktiv wird: das Gamswild.

Erhitzte Gemüter
Bereits Ende Oktober haben sich die territorialen Böcke an exponierten ­Geländekanten positioniert, um sich all­fälligen Konkurrenten zu präsentieren und diese zu vertreiben. Die Böcke sind nun sehr aggressiv und unter­einander unverträglich. Sie haben den Haarwechsel zum schwarzen Winter­kleid abgeschlossen und sich den Feist für die anstehende Brunft in den letzten Monaten angeäst. Sie sind bereit! Im November hat das Gamswild Hochbrunft. Platzböcke verteidigen die Schar­wildrudel, bestehend aus Geißen, Kitzen und Jahrlingen, und begutachten regelmäßig den Harn der Geißen, wenn diese genässt haben, um deren Aufnahmebereitschaft zu prüfen. Die Geißen sind nur etwa zwei bis drei Tage brunftig und müssen in dieser Zeit beschlagen werden. Daher werden andere Böcke in dieser Zeit vehement vertrieben. Die Hetzjagden zweier Konkurrenten enden nicht selten tödlich. Die Brunft des Gamswildes ist eine heikle Angelegenheit. Sie findet in der ­kalten Jahreszeit statt, in der eigentlich Energie gespart werden sollte. Doch das Gegenteil ist der Fall, geht es doch um das Recht, seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben.


Die Sache mit den Böcken
Abhilfe schaffen die alten Böcke, die das Brunftgeschehen dominieren und die Jungspunde in ihre Schranken ­weisen. Dadurch werden die brunftigen Geißen schnell beschlagen. Fehlen die Alten, versuchen sich die Jungen und ver­ausgaben sich dabei dermaßen, dass viele von ihnen den Winter nicht überstehen. Außerdem werden durch das Drunter und Drüber nicht alle ­Geißen beschlagen. Diese durchlaufen dann einen erneuten Östrus und ­werden drei Wochen später erneut brunftig. Das zieht sich so lange hin, bis sie schließlich beschlagen werden. Je später dies jedoch geschieht, desto später werden im nächsten Jahr auch die Kitze gesetzt; sie haben folglich in ihrem ersten Winter schlechtere ­Überlebenschancen. Nun halten die brunftigen Geißen auch die Böcke hormonell aktiv. Dabei geht es vor allem um das männliche Sexualhormon Testosteron. Ein Nebeneffekt dieses Hormons ist eine herabgesetzte Immunabwehr, die dazu führt, dass die Böcke in dieser Zeit nachweislich anfälliger für Krankheiten und Parasiten sind. Hinzu kommt, dass die Platzböcke während der Brunft ständig wachsam sind und daher kaum äsen. Sie zehren also von den Energiereserven der letzten Monate. Während Böcke zu Beginn der Brunft bis zu 40 % schwerer als Geißen sind und dreimal so viel Nieren­fett wie diese haben, gleicht sich dies nach der Brunft wieder an. Ist eine gesunde Sozialstruktur des Gamswildes gegeben, klingt die Brunft im Dezember aus. Spätestens jetzt ist Energiesparen angesagt. Der Stoffwechsel wird stark reduziert, und auch das Hornwachstum der Krucken wird eingestellt. ­Dadurch bilden sich die sogenannten „Jahresringe“ an den Krucken, anhand derer das Alter der Gams bestimmt werden kann.
 

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Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 18. 

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