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THEMATISIERT

Thematisiert, Mai 2017

Wild unter der Lupe

Sehen Vögel Farben? Warum brechen sich Gams- und Steinwild nicht die Beine, wenn sie über Felswände abwärts springen? Welchen Vorteil hat es, über drei oder vier Mägen zu verfügen? Über den Bau und die Funktion von Wildkörpern. – 5. Teil: die Haut.

Dr. Beatrix Neumayer

Aus der Haut fahren, die eigene Haut retten, sich seiner Haut wehren, sich wohl in seiner Haut fühlen usw. – Die Haut ist ein Organ, ein Körperteil, den man schlichtweg als solchen kaum beachtet oder sogar vergisst; wahrscheinlich, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes allum­fassend ist. Und dennoch kommt sie in vielen Redewendungen vor – also doch wichtig? Und wie! 
Die Haut mit ihren Anhangs­gebilden hat – wie jeder Teil des Körpers – zahlreiche unverzichtbare Funktionen. Sie ist Abschluss gegen die Außenwelt und zugleich Bindeglied. Sie schützt das Körperinnere vor dem Auskühlen, Austrocknen und vor Ver­letzungen; bei manchen Tieren ist dies durch die Bildung dicker Schuppen (Echsen, Schlangen) oder Panzer (Schild­kröten) verstärkt, aber auch bei behaarten Tieren bilden sich an stark beanspruchten Stellen Verstärkungen. Denken wir nur an die Liegeschwielen am Ellbogen schwerer Hunde. Die äußere Hülle schützt durch Pigment­einlagerungen vor UV-Strahlung. Sie schützt vor chemischen Einflüssen und Infektionen. Lurche, die eine empfindlichere Haut haben, ersetzen diesen Infektionsschutz durch giftige Sekrete aus ihren Hautdrüsen. Die Haut dient als Speicherorgan in Form des Unterhautfettes und hat wichtige immunologische Aufgaben. Hautatmung gibt es bei Amphibien, aber zu einem geringen Teil auch beim unbehaarten Menschen. Viele Instrumente des Tast­sinnes sitzen in der Haut; bei Fischen können sogar Geschmacks­knospen über die gesamte Rumpfhaut verteilt sein. Haut und Haare bzw. Federn dienen der inner- und zwischenartlichen Kommunikation, dem Erkennen – denken wir an die plakative Zeichnung des nacht­aktiven Dachses – oder der Tarnung, wie die Sprenkelung vieler weiblicher Vögel zeigt. Zuletzt ist die Haut ein Mantel; ob Lederjacke, Pelzmantel oder Federkleid – sie dient in unverzicht­barer Weise der Thermo­regulation, das heißt dem Ausgleich der äußeren Temperaturunterschiede, die selbst in unseren gemäßigten Zonen durchaus 60 °C betragen können.

Die Schichten der Haut
Wie diese zahlreichen Aufgaben be­wältigt werden können, erklärt ein Blick „in die Tiefe“. Die Haut besteht aus drei Schichten: der Unter-, der Leder- und der Oberhaut. 
Die Unterhaut Die Unterhaut ist sozusagen das „Versorgungsschiff“. Gefäße liefern Nähr- und Baustoffe und transportieren „Müll“ ab, Vorräte werden als Fett abgelagert. Nerven übernehmen die Signale der Außenwelt und schicken Kommandos, wie etwa: „Kamm auf­stellen, Feind naht!“ Lockeres Binde­gewebe ermöglicht eine relativ große Bewegungsfreiheit der Haut gegenüber der Unterlage, was zusammen mit der Elastizität der Haut dafür sorgt, dass sie einiges aushält und dass sie ihren Träger nicht einengt.

Die Lederhaut
In der Lederhaut verästeln sich die letzten Gefäße. Hier liegen Talg- und Schweißdrüsen, Haar- und Federbälge sowie Muskeln zum Aufrichten der Haare. Säugetiere verfügen über eine drüsenreiche Haut; Haarbalgdrüsen sorgen für die Geschmeidigkeit des Haares. Auch die Milchdrüse ist entwicklungsgeschichtlich aus der Talgdrüse entstanden. Schweißdrüsen sind sowohl in der Anzahl als auch in der Lokalisation und Funktion sehr unterschiedlich. Während sie bei Menschen und Menschenaffen im Wesentlichen Salze und Wasser absondern, verliert ein Pferd beim Schwitzen auch Eiweiß und Fettbestandteile. Raubtiere schwitzen vor allem an den Fußballen, Rehe überhaupt nicht, und auch Nagetiere und Hasen müssen andere Strategien zur Kühlung nutzen. Die Redewendung „Schwitzen wie ein Schwein“ entbehrt übrigens jeder Grundlage. Schwarzwild etwa hat höchstens ein paar Schweißdrüsen im Bereich des Wurfes. Vögel verfügen generell über eine drüsenarme Haut. Eine Talgdrüse kommt lediglich als Bürzeldrüse vor, mit deren öligem Sekret die Federn zwar geschmeidig gemacht werden, nicht aber Wasser abweisend. Das sind sie nämlich von vornherein. Würden alle Federn – wie bei den Haaren der Säuger – von Talgdrüsen begleitet werden, würde das Gefieder heillos ver­kleben und zu schwer werden. 
Die Natur weiß eben, was sie tut. Die Lederhaut ist im Winter bei dichterer Behaarung dünner als im Sommer. Gerber wissen das.
 

Artikel in der aktuellen Ausgabe auf Seite 24. 

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