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GELESEN

Gelesen, Juli 2018

Rehbrunft: die Rolle der Geißen

Findet der Bock die Geiß oder ist es umgekehrt? Die neuere Forschung zeigt, dass die Rolle der Geiß eine viel aktivere ist, als meist angenommen wird. – Buchauszug aus Hubert Zeilers „Rehe im Wald“.

Rehgeißen sind höchstens 36 Stunden paarungsbereit. Im Gegensatz zum Rot- und Gamswild kommt es bei ihnen nicht zu mehreren Ovulationszyklen: Rehwild ist „mono­östrisch“, wie die Wissenschafter das Phänomen nennen. Die Zeit für eine Rehgeiß ist also kurz – in zwei Tagen sollte die Sache erfolgreich über die Bühne gehen. Das heißt: Auch Rehgeißen trachten sehr danach, zur richtigen Zeit den Rich­tigen zu finden. Bedenkt man, dass es in manchen Revieren einen starken Geißenüberhang gibt und dass das Durchschnittsalter der Böcke auch zu wünschen übrig lässt, dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Bleiben und sich eventuell auf einen Wettstreit mit anderen Geißen einlassen, oder Ausziehen und den Passenden suchen, der hoffentlich frei ist. Es spricht sehr vieles dafür, dass die Abwanderung von Geißen zur Brunft mit der Anzahl der Böcke und mit der Konkurrenz durch andere Weibchen zusammenhängt. Das klassische Erklärungsmodell für Revierverhalten, nach dem ein Rehbock Ressourcen verteidigt, ist heute kaum noch anerkannt ...

Wie ein Schweißhund ...
Da bei den Rehen das Riechen eine äußerst wichtige Rolle spielt, folgt mancher Rehbock einer brunftigen Geiß wie ein Schweißhund der Wundfährte. Mit tief gehaltenem Haupt sucht der Bock auf der Fährte und hebt auch dann noch nicht den Windfang, wenn er schon in der Nähe der Geiß ist. Nachdem der Bock die Geiß gefunden hat, flüchtet sie meist. Danach folgt das Treiben, das oft über weite Strecken geht. Es wird von der Geiß abgebrochen – der Bock schließt auf, bewindet die Geiß und flehmt häufig. Dieses Flehmen hängt mit einem uralten Riechorgan im Gaumenbereich zusammen, dabei wird die Luft mit hochgezogener Oberlippe intensiv über den Mund und Gaumen eingesogen. Während des Treibens, das oft Stunden dauert, ist von der Geiß unter anderem der Sprenglaut zu hören; der Bock keucht. Kurz vor dem Beschlag werden oft Bäume oder Sträu­cher ausdauernd in Kreis- oder Achterbahnen umrundet, wodurch sichtbare Bodenverwundungen entstehen – die „Hexenringe“. Bei Vollmond kann sich das ganze Brunftgeschehen auch in die Nacht verlagern. 
Mit wie vielen Geißen paart sich aber nun ein Bock überhaupt? Die höchsten Zahlen, die von Forschern genannt werden, sind 8–10 Geißen je Bock – bei Feldrehen. Bei ausgesprochenen Wald­rehen dürften 3–4 Geißen für einen Bock schon sehr viel sein. Ein Teil der Böcke geht jedoch auch leer aus, obwohl sich besonders in Waldrevieren der Fortpflanzungserfolg recht gleichmäßig auf alle Revierbesitzer aufteilt. Die Geiß wird mehrmals von ein und demselben Bock beschlagen, doch Treue ist den Geißen, wie gesagt, leicht gemacht, denn sie sind in der Regel eben nicht länger als ein bis eineinhalb Tage paarungsbereit, und auch die eigentliche Brunft dauert für eine Geiß nicht viel länger als zwei Tage. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass in dieser Zeit ein zweiter Bock zum Zug kommt ...

Artikel in der aktuellen Ausgabe auf Seite 53. 

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