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BUCHAUSZUG

Gelesen, August 2017

Alter Bock – starkes Geweih?

Es ist zwar ein Irrglaube, aber er hält sich nach wie vor hartnäckig in manchen Jägerköpfen: Dass der Rehbock zwangsläufig mit dem Älterwerden an Geweihstärke zulegt. Wie ist das wirklich? – Bruno Hespeler geht in seinem Buch „Rehe in Europa“ diesem und anderen Glaubenssätzen zum Thema „Rehwild“ auf den Grund.

Wunschdenken ... Vermutlich würde niemand nach dem Alter eines Rehs fragen, wäre da nicht das Geweih und der Glaube, dieses würde mit jedem Jahr etwas schwerer und voluminöser. Daher will der Jäger einfach einen „alten“ Bock schießen. Dieses Ziel soll ihm auch nicht genommen werden. Die Frage ist nur, wie er es erreichen kann? Was wir diesbezüglich gelernt haben, erinnert mich eher an Wahrsagerei. Daraus ist den Jägern ja auch kein Vorwurf zu machen. Sie haben geglaubt und an folgende Generationen vermittelt, was ihnen von der Wissenschaft lange Zeit eingetrichtert wurde. Wagenknecht (1976, zitiert bei Stubbe 1990), zu seiner Zeit wohl der renommierteste Wildforscher der DDR, nennt 8 bis 10 Jahre als Zeitpunkt der Trophäenreife. Grundlage für seine These sind Medaillenböcke bzw. deren Alter. Letzteres wurde aber genau nach jenen Kriterien bestimmt, deren Aussagekraft bezweifelt oder widerlegt wird. Dass Erleger und Bewerter das Alter eher nach oben „drücken“, liegt nahe. Dies umso mehr, je höher der Erleger eines Kapitalbocks in der jagdlichen, gesellschaftlichen oder politischen Hierarchie steht. Eiberle (1976, ebenfalls zitiert bei Stubbe) sieht die Geweihkulmination der Rehböcke schon im Alter von 5 bis 7 Jahren und kommt dabei der Realität wahrscheinlich deutlich näher. Er untersuchte Rehe in der Schweiz, also einem Land, in dem die Trophäe bei Weitem nicht die Rolle spielte und spielt wie in Deutschland, Österreich oder in den osteuropäischen Staaten. Strandgaard (auch er ist bei Stubbe zitiert) konnte die Geweih­entwicklung von 9 Böcken in Dänemark verfolgen, die ihre stärksten Geweihe alle im Alter von 3 und 4 Jah­ren erreichten. Das deckt sich etwa mit den Erfahrungen im Wild­forschungs­gebiet Hakel, wo zwei Drittel aller Böcke ihr stärkstes Geweih ebenfalls in diesem Alter schoben (Stubbe 1990). In der Adelegg erlegten wir 1973 einen Rehbock, der 24 Stunden nach der Schädelpräparation noch 696 g wog, bis dahin der stärkste Bock der Bundes­republik Deutschland. Leider war er nicht markiert, jedoch wurde der skelettierte Schädel allen damals renommierten Instituten der BRD und Österreichs zur Alters­bestimmung vorgelegt und als dreijährig eingeschätzt. Interessant bei diesem Bock war der Umstand, dass ich im Frühwinter an einer Fütterung eine seiner Stangen aus dem Jahr 1972 fand. Sie entsprach in Aussehen und Volumen (Wasser­verdrängung) der Folgestange am erlegten Bock. Der Bock muss also schon im Alter von zwei Jahren ein nahezu gleiches Geweih getragen haben. Bemerkenswert ist auch, dass dieser starke Bock ­seinen mutmaßlichen Einstand – Fund der Abwurfstange und Erlegungsort – in einem eher locker bewaldeten, von der Talstraße gut überschaubaren Hang hatte und nur ein einziges Mal gesehen wurde – bei seiner Erlegung ...

Artikel in der aktuellen Ausgabe auf Seite 53. 

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