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GELESEN

Gelesen, Mai 2017

Hirschgrandeln – begehrte Jagdtrophäe und Liebesamulett der Steinzeitjäger

Grandeln vom Hirsch oder vom Alttier sind auch heute noch eine begehrte Trophäe. Aber warum nimmt der Jäger ausgerechnet die verkümmerten Eckzähne des Rotwildes? – Bernd E. Ergert geht in dem soeben erschienenen Buch „Trophäe und Aberglaube“ der Sache auf den Grund.

Für die meisten Jäger im deutschsprachigen Raum ist natürlich das Geweih des Hirsches eine der begehrtesten Trophäen bei der Jagd überhaupt. Aber auch die Grandeln – die Eckzähne im Oberkiefer – üben auf uns Jäger einen fast magischen Reiz aus, obwohl sie klein und für den Laien unscheinbar sind. Sie werden auch nach alter, vielleicht sogar uralter Tradition noch am Erlegungsort fachkundig ausgebrochen, sicher eingewickelt und verstaut. Nach der Jagd zu Hause angekommen, gilt ihnen mein größtes Augenmerk. Mit dem Messer werden die Reste von Fleisch entfernt, dann kommen sie zum Wässern in ein Glas. Nach einigen Stunden trockne ich sie ab, poliere kurz ihren Schmelz an meiner Kleidung und bewundere ihren feinen Glanz, den nur der Lüster einer Fluss­perle übertrifft. Je nach dem Alter des Hirsches oder Tieres ist der „Brand“, also die Braunfärbung, unterschiedlich. 

Warum die Eckzähne?
Es liegt schon viele Jahre zurück, als mich ein Erlebnis bei der Hirschjagd im Schottischen Hochland auf den Gedanken brachte, dem Grandel-Brauchtum auf die Spur zu kommen. Mit Erstaunen beobachtete damals mein Begleiter, ein einheimischer Schäfer, wie ich dem erlegten Hirsch die Eckzähne ausbrach, grob reinigte und sorgsam in einem Taschentuch verwahrte. „Warum nimmst du nicht die Backenzähne, die scheinen mir als Trophäe doch attraktiver?“, meinte der Schotte mit ver­ständnislosem Kopfschütteln und Lachen. – Ja, wie ist es möglich, dass ein so kleiner, unscheinbarer, manchmal dunkelbrauner Zahn so große Bedeutung für uns Jäger hat? – Über Jahrtausende sah der Mensch den Hirsch als Heils-Tier, voll urgewaltiger spiritueller Kraft, die der Mensch in vielfältiger Weise auf sich zu projizieren suchte. Heute gehören die in Gold oder Silber gefassten Grandeln, auch als Granen, Gränen, Bohnen, Haken, Kusen oder Kufen bezeichnet, zum beliebtesten Jagdschmuck. Sogar im fernen Amerika trugen die Prärie- und Plains-Indianerinnen Wapiti-Grandeln an Schnüren oder nähten sie auf ihre Lederkleidung. 
Lassen wir uns von Johann Matthäus Bechstein in seinem „Vollständigen Handbuch der Jagdwissenschaft“ von 1806 belehren: „Die Eckzähne sind aus Aberglaube ein Amulett geworden und sehen, in Ringe gefasst, nicht übel aus.“ C. A. von Schulenburg schrieb noch 1882: „Man trägt Hirschhaken als Amulette, um sich vor Schlangenbissen und anderen Übeln zu schützen“. Es scheint, dass uralter Aberglaube vielfach in jagdlichem Brauchtum verpackt ist ...

Artikel in der aktuellen Ausgabe auf Seite 69. 

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