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ERZHLUNG

Erzhlung, November 2019

Herzlich raue Bergwelt

Die winterliche Bergwelt zeigte sich von ihrer rauen
und ungemütlichen Seite, als sich die beiden Jäger
auf die Birsch machten . . .

Mag. Karl Viertbauer

Jagd kann wunderbar herzerfrischend sein, aber sie kann auch in unwirtlich rauen Umweltbedingungen stattfinden. Solch heftige Gegensätze gibt es wohl nur bei der Hochgebirgsjagd. Einerseits sind die schroffen Felsgebiete dazu prädestiniert, diese wider­sprüch­lichen Voraussetzungen durch ihre Beschaffenheit zu bewirken, andererseits können besonders die Witterungsbedingungen wunderbare, wie abweisend unwirtliche Verhältnisse schaffen. Doch ganz gleich, welche Attribute einer Situation dem Jagdbetrieb innewohnen, empfinde ich bei aller körperlichen Anstrengung und physischen wie geistigen Belastung die Jagd im Hochgebirge stets als wunderschön und erlebnisreich!


Wetterkapriolen
Um diese Unterschiede bei der Bergjagd hautnah erleben zu können, bedarf es natürlich gewisser Vorbedingungen. Ich hatte in einem Hoch­gebirgs­revier, das oberhalb von 1.800 Metern lag, einen Gamsabschuss frei. Da ich dieses Revier schon zu allen Jahreszeiten kennengelernt hatte, war ich natürlich bestrebt, den Abschuss zu ­tätigen, bevor der Winter Einzug halten würde. Deshalb war ich bereits Anfang September ­zweimal im Revier zur Gamsjagd gewesen. Einmal bei ­herrlichem Sonnenschein, als die Gams weit oberhalb der unzugänglichen Felswände auf kleinen grünen Matten standen, und das zweite Mal bei ­wechselnden Regen- und Graupelschauern. In beiden Fällen blieb ich ohne Erfolg. Schließlich hatten wir einen neuen Termin Ende November vereinbart. Mit Besorgnis ­verfolgte ich schon Tage vorher die Wetter­vorhersage, die eigentlich nichts Gutes für mein ­Vorhaben prognostizierte. Schlussendlich brach am Tag vor meiner Abreise der Winter
mit ­intensivem Schneefall in den Nordalpen ­herein. Bei einer längeren Autobahnfahrt unter ­widrigsten Verhältnissen am Abend vor meiner geplanten Reise vollzog sich ein Sinneswandel zu der geplanten Jagdfahrt. Ich verschob den ­Termin um zwei Wochen, weil ich die lange ­Anfahrt in das südlichste Bundesland Österreichs bei diesen Straßenverhältnissen und Wetter­bedingungen nicht wagen wollte. Das stellte sich als Fehler heraus, denn am nächsten Tag hatte es im morgend­lichen Wetterpanorama im Gamsgebiet herr­lichen Sonnenschein. Die Temperaturen lagen wohl bei -18 °C, aber das hätte der Gamsjagd keinen Abbruch getan. ­Natürlich bereute ich meine Absage, aber es nützte nichts. Wie zum Hohn berichtete mir
zu allem Überdruss mein Birschführer, dass er an jenem Tag trotzdem birschen gegangen war und mitten in einem Gamsrudel stand, wo etliche Stücke zum Abschuss gepasst hätten. „Zu viel gezögert und ängstlich auf den Schneefall reagiert, deshalb alles verspielt!“, dachte ich. Jagd ist eben nichts für Zögerer und Zauderer, und ein Mangel an Entschlossenheit wird ­umgehend bestraft, wie in diesem Fall.


Ersehnter Aufbruch
Die verschobene Jagdfahrt trat ich schließlich zwei Wochen später an. Wie verhext war die Großwetterlage südlich der Alpen auch zu diesem Termin nicht gerade günstig. Aber ein zweites Mal wollte ich nicht zaudern und die Verein­barung auf jeden Fall einhalten. So kam ich mit meinem schweren Fahrzeug nur mühsam voran, und nach einer waghalsigen Fahrt über steile ­Güterwege erreichte ich wohlbehalten den Hof meines Gönners auf etwa 1.500 Metern Seehöhe. Ich hoffte trotz der widrigen Umstände am ­Anreisetag noch immer auf eine Wetter­besserung für die nächsten beiden Jagdtage. ­Jedoch schneite es am Morgen noch immer leicht. Trotzdem packten wir nach einem guten Frühstück unsere Jagdsachen zusammen und machten uns mit dem schneekettenbewehrten Auto meines ­Freundes auf den Weg ins Revier. Allerdings war mit der bequemen Fort­bewegung mittels fahrbarem Untersatz recht bald Schluss. Die Straße hinauf ins Revier, im Sommer wunderbar zu befahren, war durch eine kleine Lawine unpassierbar geworden. Deshalb schnallten wir die vorsorglich eingepackten Schneeschuhe an unsere Füße und begannen mit dem Aufstieg. Abweisend rau zeigte sich die Winter­landschaft bei unserem Aufwärtsstapfen. Die in der schneefreien Jahreszeit so liebliche Bergwelt zeigte ihre Winter­krallen. Wie schon öfter bei jagdlichen Unternehmungen unter ­widrigen Umweltbedingungen stellte ich mir auch an diesem Tag wieder einmal die Frage, warum ich mir das alles antat. So setzte ich Fuß vor Fuß, und obwohl es bitter­kalt war, kam ich durch die Mühen des ­Aufstiegs gehörig ins Schwitzen. Noch stapften wir im Lärchenwald aufwärts, um das oberhalb gelegene Revier zu erreichen. Der Lärchenwald gehörte nämlich noch zum Nachbarrevier. ­Hoffentlich hatten auch oberhalb der Waldgrenze Lawinenabgänge steile Graslahner freigelegt, damit das Gamswild dort Äsung vorfinden würde. Sonst würde unser Bemühen kläglich scheitern. Was sollten die Gams auch in einer Schnee- und Eiswüste suchen?
 

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Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 38. 

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