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ERZHLUNG

Erzhlung, Oktober 2019

Überlistet!

Manche Stücke schaffen es, sich vor dem Jäger zu verstecken. Man meint dann oft, sie seien unsichtbar. Mit etwas Geduld und Geschick ist aber auch diesen Stücken beizukommen.

DI Bernhard Posch

Es war bereits Herbst geworden, doch in diesem Jahr wollte der Außendienst ­einfach kein Ende nehmen. Das Arbeits­volumen in diesem Jahr war besonders groß gewesen, und durch den Wechsel einer ­Kollegin in einen anderen Tätigkeitsbereich galt es, „übrig gebliebene“ Aufgaben im Rahmen der forstlichen Kontrolle und Beratung wahr­zu­nehmen. Viele werden verstehen, dass man eine diesbezügliche Bitte seines Vorgesetzten nur schwer abschlagen kann, insbesondere dann, wenn man ein sehr gutes Verhältnis zu ihm hat. So machte ich mich – zum Leidwesen meiner Familie – Mitte Oktober erneut auf den Weg nach Salzburg, wo ich in Hintersee Quartier bezog.

Untertags beriet ich Försterkollegen vor Ort in forstfachlichen Fragen, die Abende ließ ich in der mir vom Sommer her bekannten Regiejagd unweit des Hintersees ausklingen. Diese beherbergte neben einem kleinen Gamsvorkommen zwar ausschließlich Rehwild, war aber durch den hohen Anteil an von Wald umschlossenen Wiesen sehr reizvoll zu bejagen. Rund zwei Wochen lang würde ich hier in diesem landschaftlich wunderschönen Voralpengebiet stationiert sein und war schon gespannt, ob mir erneut ein Weidmannsheil zuteil werden würde.

Almidylle
So saß ich Abend für Abend auf verschiedenen Hochständen und Bodensitzen an, die mir aus dem Sommer noch in guter Erinnerung waren. Rehwild bekam ich in den ersten Tagen allerdings keines in Anblick, da die Wiesen um diese Jahreszeit als Viehweiden genutzt werden. Und Rehe, die sich zum Äsen zwischen die glockenbehangenen, eine akustische Almidylle ver­breitenden Kühe stellen, sind eher selten.

So stellte sich bei mir eine gewisse Er­nüchterung ein, als ich nach mehreren anblicklosen Tagen feststellen musste, dass all meine im Sommer erworbene Revierkenntnis nutzlos geworden war. Ich beschloss, mein Glück statt auf den ­Wiesen im Wald, und zwar auf einem der durch die Windwürfe der vergangenen Jahre entstandenen Schläge zu versuchen, die mir bei Tageslicht ­betrachtet recht Erfolg versprechend erschienen. Bereits auf dem Weg dorthin sprangen knapp unterhalb des Schlags Geiß und Kitz ab, die sich unmittelbar neben der Forststraße an Kräutern gütlich getan hatten. Ein erster Hoffnungs­schimmer keimte auf, vielleicht würden sie ja später oben auf dem von mir ins Auge ­gefassten Schlag austreten.

Leider stellte sich heraus, dass dort weder ein Boden- noch ein Hochsitz vorhanden war, die viele Arbeit mit der Borkenkäferbekämpfung und der Schadholzaufarbeitung hatte für die ­Errichtung jagdlicher Einrichtungen einfach keine Zeit gelassen. Weiters war der üppige ­Bewuchs mit Himbeeren und Disteln so hoch, dass sich, von meinem provisorischen Ansitzschirm aus betrachtet, Rehe nahezu ungesehen in der Fläche aufhalten konnten. Zur Einsicht gelangt, es wohl doch wieder in den Wiesen ­probieren zu müssen, birschte ich kurz vor Ende des Büchsenlichts in nicht gerade euphorischer Stimmung zum Auto zurück. Fast eine Woche ohne Anblick, das konnte es doch fast nicht geben! Wo waren die vielen Rehe hingekommen, die meine Ansitze im Sommer eigentlich fast ­täglich durch ihre ­Anwesenheit bereichert ­hatten? Ein wenig in ­Gedanken versunken und grübelnd folgte ich der Forststraße in Richtung Waldrand. Mein Blick schweifte hinüber über die erste Wiese mit dem Bauernhaus an der südöstlichen Ecke und ich ­erstarrte. Dort standen, etwa 150 m hinter dem Stallgebäude knapp außerhalb der Schafkoppel, zwei Stück Rehwild. Das eine war trotz der fortgeschrittenen Dämmerung ­eindeutig als junger Bock anzu­sprechen, das zweite – bereits in flotter Gangart dem Waldrand zustrebend – meinte ich als Geiß zu erkennen, aber ohne Kitz, vielleicht ein Schmalreh?

Im Waldeck
Am nächsten Tag bezog ich an der eingezäunten Schafweide unter den bis zum Boden hängenden Ästen einer Randfichte Position, von wo aus ich den größten Teil der Wiese gut einsehen konnte. Lediglich ein kleiner Zipfel im südwestlichen Eck war durch ein vorspringendes Waldeck meinen Blicken entzogen. Immer wieder nieselte es leicht, doch unter der Fichte blieb ich leidlich trocken, allein, an diesem Abend traten die Rehe einfach nicht aus. Erst während des Rückwegs zum Auto bemerkte ich etwa 200 m hinter dem Bauernhaus ein von Südosten her auf die Wiese auswechselndes Reh, das ich noch als den Bock vom Vortag zu erkennen glaubte. Wo war also die Geiß? Das war zu dem Zeitpunkt zwar unerheblich, da die Sonne längst hinter dem ­Horizont verschwunden und das Büchsenlicht vorüber war, trotzdem ließ mich die Frage nicht ganz los. Beim Auto angekommen, verstaute ich meine Utensilien im Kofferraum und leuchtete, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung auf ­Anblick, nochmals die gesamte Wiese mit dem Fernglas ab. Das durfte doch nicht wahr sein, genau in dem für mich vorhin nicht einsehbaren Bereich standen nun zwei Rehe. Das eine musste der Bock sein, das andere war in jedem Fall ein sehr schlaues Reh, welches sich sehr geschickt der Beobachtung entzogen hatte!

...

Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 26. 

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