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ERZHLUNG

Erzhlung, August 2019

Der Alte vom Waldgrat

Beim Durchsehen der Wildkamerafotos begann das ­
Jäger­herz höher zu schlagen, denn darunter fand sich 
ein hoch­betagter und wohl auch heimlicher Bock! – 2. Teil.

Leif-Erik Jonas

Ich wollte mir den alten Bock auf jeden Fall mit eigenen Augen anschauen, und wenn er mir dann immer noch so alt scheinen sollte, wäre er mir lieber als mancher Kapitalbock. Ein paar Tage später stieg ich also in sternenklarer Nacht zur Gratwiese hinauf und nahm hinter dem Totholzstamm Platz. Ahnendes Dämmerlicht lag schon über dem Gebirge, geräuschlos glitt ein Raufußkauz über die Wiese, und eine Fledermaus flatterte um die Wipfel der alten Fichten. Dann ließ mich ein eigenartiges Prusten verwundert – und auch etwas erschrocken – aufhorchen. Es klang, als würde jemand wiederholt durch viel zu enge Nasenlöcher tief Luft holen. Das Geräusch war zudem so laut, dass ich es keinem Tier richtig zuordnen konnte. Eine Weile glaubte ich gar an einen Bär – wäre ja schließlich auch nicht die erste Bärensichtung in unserem Revier! Dann war es plötzlich wieder still im frühdämmrigen Bergwald. Doch nur kurz, denn schon rauschte das Berggras, Zweige knackten, und ein noch farbloser Rehschatten sprang im jenseitigen, linken Wieseneck halbflüchtig aus dem Urwald. Ich hob das Glas an die Augen. Das Stück äste nun am linken Waldrand vor sich hin. Plötzlich warf es auf – es war eine Geiß –, sicherte zu mir her und trollte wenige Herzschläge später davon. Und das eigenartige Geräusch von vorhin? Das stammte wohl von dieser Geiß – vermutlich machten ihr Rachenbremsen arg zu schaffen! Die Geiß war noch nicht lange fort, da flatterte der Raufußkauz auf einen ein Dutzend Schritt vor mir liegenden Totholzstamm, saß dort kurz, flog dann weiter in eine nahe gelegene Fichte und beäugte mich mit ruckartigen Kopfbewegungen. Schließlich strich er durch den Gratwald tal­einwärts davon. In meiner Nähe schnarrte ein Tannenhäher, und ein Buntspecht hackte an einem Fichtenstamm herum. Am Abend bezog ich meinen Ansitzplatz wieder. Grauweiße Nebel wallten um Gipfel und Grate. Hier, an der kleinen Wiese aber war die Sicht die meiste Zeit klar. Anblick hatte ich ­dennoch keinen. Nur aus den höheren Lagen drangen die aufgeregten Pfiffe der Murmeltiere an mein Ohr, und vom Talgrund her tönte das Schellen des Almviehs.

Auf ein Neues!
Auch am nächsten Morgen nahm ich den Weg zur Gratwiese wieder unter meine Bergschuhsohlen. Eine halbe Stunde des Sitzens und ­Wartens war vergangen – noch lag die Bergwelt im matten Graudämmer zwischen Tag und Nacht – da saß weniger als schrotschussentfernt plötzlich ein sommergrauer Schneehase neben einer der Jungfichten. Der Hase hoppelte langsam, aber sicher genau auf mich zu. Erst, als ihn noch eine Bergstocklänge von mir trennte, nahm er mich wahr, saß ein paar Herzschläge lang wie ­erstarrt da und stob dann davon, als sei der ­Leibhaftige hinter ihm her. In den folgenden Tagen ließ ich den alten Bock in Ruhe. Heute aber bin ich seinetwegen wieder hier heraufgestiegen. Es ist mittlerweile schon lange hell, erste zaghafte Sonnenstrahlen fallen rotgolden in den lichten Bergwald – aber nichts tut sich. Nur das Hämmern eines Spechts ist zu vernehmen, und weiter taleinwärts ent­decke ich dann auch ein Stück Gamswild. Doch bis ich das Spektiv zum genaueren Ansprechen eingerichtet habe, ist es schon wieder in einer Gruppe alter Lärchen verschwunden.

Ein feuerroter Fleck
Plötzlich werde ich in einer Baumlücke rechts hinter der Wiese eines feuerroten Fleckes gewahr. Im ersten Moment kann ich ihn gar nicht recht einordnen, halte ihn beinahe für einen faul­holzigen Lärchenstock, dessen rote Farbe jetzt
im ersten Morgensonnenlicht erst so richtig zur Geltung kommt. Im nächsten Augenblick aber erkenne ich den Fleck als Reh, das dort neben einem am Boden liegenden, nahezu meter­dicken Fichtenstamm spitz zu mir herverhofft. Ich hebe das Glas an die Augen. Es ist ein Bock! Ist es der Alte? Als er sein Haupt zur Seite dreht, packen mich zwei widersprüchliche Emotionen: Einerseits die Enttäuschung, dass das ganz sicher nicht der Alte ist – und andererseits die unbändige Lust, mir gerade diesen Bock dennoch zur Beute zu machen! Er ist mir weit lieber als der Alte, von dem ich nur vermute – oder hoffe –, dass er alt ist und dessen Trophäe eine schmucklose Durchschnittskrone zu sein scheint. Dieser hier hingegen ist zwar ein schwacher, aber wahrlich ­uriger Bergbock – einer, der zu diesem wilden Urwald passt! Ich sehe, dass es ein dünn- und zumindest mittelhochstangiger Vorder­­sprossen­gabler ist – und das genügt mir! Wichtiger ist mir jetzt, noch sein Alter zu schätzen, wofür ich auch gern seine Breitseite sehen würde. Doch schon Augenblicke später macht der Bock ein paar Sprünge schräg abwärts und entschwindet meinen Blicken. Ich hoffe, dass er vielleicht einen Bogen schlagen und von rechts – nahe der Salzlecke – in die Wiese ziehen würde. Und so ­konzentriere ich mich auf den rechten ­Waldrand, spähe zwischen dem dunklen Fichtengenadel nach der rehroten Decke. Doch es geschieht nichts! Plötzlich steht der Gabler wie hingezaubert wieder in derselben Lücke wie zuvor.

...

Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 28. 

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