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ERZHLUNG

Erzhlung, April 2020

Frühlingsgefühle

Wer mit offenen Augen durch sein Revier birscht, kann sich im aufkeimenden Frühling über den einen oder anderen unerwarteten Anblick freuen.

Leif-Erik Jonas

In der vorletzten Aprilwoche durch raumen Fichtenwald meiner Jagdhütte entgegen. In dem südexponierten Wald lag nicht mehr viel Schnee, und vielfach war der Nadelstreu­boden sogar schon aper. Allein auf dem sich in engen Kehren den Berg hinaufwindenden Forstweg lag das Weiß noch mehr als knietief, sodass ich mein Fahrzeug ein wenig oberhalb der letzten Häuser ­stehen lassen musste und meinen Weg zu Fuß fortsetzte, um zwei Tage in der Einsamkeit der Berge zu verbringen und das Erwachen des Bergfrühlings zu erleben.

Nach einer Dreiviertelstunde des Stapfens und Steigens erreichte ich endlich die Jagdhütte, öffnete zum ersten Mal seit der Gamsbrunft die Hüttentür und trat hinein in den kleinen, ­gemütlichen Raum. Bald loderte im Kamin ein knackendes und prasselndes Feuer, und da die Wasserleitung noch eingefroren war, füllte ich drei Töpfe mit sulzigem Frühjahrsschnee und ließ das kalte Weiß schmelzen.

Die Nachmittagsstunden vergingen mit verschiedenen Arbeiten wie im Flug. Der jubilierende Gesang der Bergvögel war an diesem Abend recht verhalten und zeugte davon, dass der ­Winter hier oben gerade erst dabei war, dem Frühling Platz zu machen. In der Nacht drang jedoch immer wieder der tremolierende Ruf des Raufußkauzes, der für mich, ähnlich wie die Birkhahnen­balz und der Kuckucksruf, Inbegriff des Bergfrühlings ist, in die Hütte.

Vom Ruf des Raufußkauzes
Um 3 Uhr früh läutete der Wecker. Nach einem schnellen Frühstück stieg ich durch den ur­wüchsigen Fichten-Lärchen-Wald der Waldgrenze entgegen. Der nadelübersäte Frühjahrsschnee war sulzig nass und trug nicht, sodass 
ich den Rucksack ablegte und die darauf fest­gebundenen Schneeschuhe anlegte. Immer, wenn ich verschnaufend anhielt, verwob sich die große Stille der nächtlichen Bergwelt mit dem fernen Tosen der den Talgrund durchschäumenden Schmelzwasser.

Als ich endlich den geschlossenen Bergwald hinter mir ließ und auf sanften Almhängen ­weiter an Höhe gewann, erleichterte ein nunmehr trag­fähiger Harschdeckel das Vorwärtskommen. Aus den letzten schütteren Lärchen strichen drei oder vier Stück Birkwild ab und ließen mich durch ihr nahes und überraschendes Geflatter zusammenfahren. Dann ging es über den freien Schneehang weiter hinauf auf einen rundlichen Grat, hinter dem sich eine weit­läufige, nahezu ebene und von unzähligen Mulden und Büheln durchzogene Almfläche ausbreitet, die mit ­einzelnen Junglärchen und Latschen bestockt ist – ein Balzplatz der Spielhahnen.

Vom urwüchsigen Lärchenwald herauf tönte der geheimnisvolle Ruf des Raufußkauzes, und von irgendwo in meiner Nähe war ein leises ­Tapsen – vermutlich das eines Schneehasen – zu ver­nehmen. Langsam stieg das Licht hinter den scharf gezeichneten Graten empor, verdrängte die finsteren Schatten der Nacht und gab der noch winterlich anmutenden Gebirgswelt immer klarere Konturen.

Ein kapitaler Hahn!
Plötzlich ließ mich das scharfe Fauchen eines Spielhahns aufhorchen. ...

Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 26. 

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