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ERZHLUNG

Erzhlung, Oktober 2018

Jagd auf den Nachwuchs

Die Erlegung von Kitzen ist im jagdlichen Jahreslauf eine unabdingbare Pflicht. Auch wenn sie nicht immer leichtfällt.

Ingo Urtel

Was hast du geschossen?“, so die Frage eines Bekannten, den ich im Herbst auf dem Heimweg nach der Jagd traf. „Ein Kitz“, antwortete ich. Er sagte nichts, das heißt, er kam gar nicht mehr zu Wort, denn aus seiner Begleiterin sprudelte ein Wortschwall heraus, der nicht enden wollte. Sie tadelte mich ob meines Tuns, ein so niedliches, süßes Wesen, wie ein Rehkitz, einfach totzuschießen. Daraufhin fragte ich sie, ob es in ihrem Sinne sei, wenn das Kitz zugrunde­gegangen wäre, anstatt von mir erlegt zu werden, denn das Kitz sei konditionell schwach gewesen, hätte Kälte und Schnee des Winters wohl nicht überlebt. Sie gab auf diese Frage keine Antwort, murmelte nur etwas Unverständliches vor sich hin. Mein Bekannter entschuldigte sich bei einem späteren Treffen ohne ihr Beisein für die ver­balen Entgleisungen seiner Begleiterin.
Ich verurteile diese Frau nicht, die das Schnitzel oder sonstige Fleischprodukte, er­worben im Supermarkt als Produkt aus einem reichhaltigen Warenangebot, zu Hause in ihrer Küche zubereitet, ohne daran zu denken, dass dieses wohlschmeckende Lebensmittel von einem ehemals atmenden Wesen stammt. Zu verurteilen wäre nur die unterschiedliche Denkweise dieser Menschen hinsichtlich des eigenen Verlangens nach Fleisch und der Skepsis gegenüber dem jagdlichen Geschehen!
Ein anderes Mal traf ich einen Touristen, der offensichtlich aus der Großstadt kam. Ich war auf dem Weg zum abendlichen Ansitz, er unterwegs zur nächst gelegenen Hütte, um dort ein­zukehren. Auch mit ihm kam ich ins Gespräch. Er fragte mich nach meinem jagdlichen Ziel und ich nahm mir die Zeit, ihm Rede und Antwort zu stehen. Als wir wieder unserer Wege gingen, wusste er über den behördlichen Abschussplan sowie über meine Verpflichtung zum Erlegen des Wildes Bescheid. Er entnahm unserem Gespräch zudem auch, dass ich nicht nur aufgrund meines inneren Beutetriebs, sondern auch im Sinne der Grundeigentümer, insbesondere im Auftrag der Waldbesitzer die Verwaltung des Wildbestandes kostenpflichtig übernommen habe. Er war über meine Verpflichtung, den jährlichen Wildzuwachs zahlenmäßig durch den Abschuss zu regulieren, erstaunt. Er sagte kein Wort der Brandmarkung, sondern nur: „Da haben Sie ja eine verantwortungsvolle Aufgabe!“

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Aber wie sieht es bei den Jägern mit dem praktizierten Kitz-Abschuss aus? Der eine bringt es nicht übers Herz, der andere argumentiert, es gebe zu wenig, weil sich das Raubwild alles nehme, was es erbeuten könne, und dass die Landwirte den Kitzbestand durch ihren Maschineneinsatz ohnehin dezimieren würden. Und dem Empfindlichen sind die Herbstabende für den Ansitz bereits zu ungemütlich.
Mit dem Bauern, der es in der Erntezeit naturgemäß eilig hat, sollte man in allen jagd­lichen Belangen das Gespräch suchen, nur sollte das rechtzeitig erfolgen. – Passivität ist in diesem Zusammenhang sicher die schlechteste Form des jagdlichen Wirkens!
Im Jahresverlauf ist wohl die Setzzeit Ende Mai die gefährlichste Zeit für das Rehkitz. Das Wetter im Mai und somit den Termin für die Wiesenmahd kann man als Jäger nicht beein­flussen. Man kann jedoch im Zusammenwirken mit den Landwirten rechtzeitig, das heißt mindestens zwei bis drei Tage vor dem Mähtermin, Maßnahmen setzen, welche die Geißen dazu veranlassen, ihr Kitz nicht unbedingt in der zu mähenden Wiese zu setzen. Das Setzen in diesen Flächen gänzlich zu verhindern, ist aber beinahe unmöglich, da die Geißendichte mancherorts so hoch ist, dass diese keine anderen Setzstandorte zur Verfügung haben. Aber: Selbst wenn die Kitzrettung nicht im gewünschten Ausmaß gelingt, muss im Herbst, trotz der Kitz­verluste, der Jagd auf Kitze das nötige jagdliche Augenmerk geschenkt werden ...

Artikel in der aktuellen Ausgabe auf Seite 28. 

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