Previous Frame Next Frame

ERZHLUNG

Erzhlung, Jnner 2020

Schwarze Schatten auf glitzerndem Weiß

Beim Blick durch den Gucker schlug das Herz plötzlich schneller. Konnte das wirklich möglich sein? Würde diese Fuchspassnacht etwas ganz Besonderes werden?

Leif-Erik Jonas

Selten einmal kommen beim winterlichen Fuchspassen alle Umstände so günstig zusammen, dass man die Bedingungen als ideal bezeichnen kann. Doch heute ist eine dieser Nächte. 

Auf den weiten Wiesenflächen, inmitten derer ich die bevorstehende Winternacht verbringen möchte, kreuzen sich unzählige Schnürspuren der roten Freibeuter, und das ­Hundefutter wird ausgezeichnet angenommen. Auch die Ranz hat nun – im späten Jänner – ihren Höhepunkt ­erreicht und verspricht ein reizvolles Weidwerk. Die Temperaturen sind zudem angenehm mild, sie liegen lediglich im Bereich des Gefrierpunkts. Und der Schnee, auf dem sich blätterförmige Oberflächenreifkristalle gebildet haben, die im träumerischen Licht des beinahe vollen Mondes glitzern und funkeln, trägt das Raubwild.

Im Schein des Mondes
So bin ich guter Dinge, als ich in der ersten Nachtstunde mein Fahrzeug an der Abzweigung einer Nebenstraße parke und im silbrigen Seidenlicht des noch tief stehenden Mondes einem ­geräumigen Bodensitz entgegenstapfe. Das wird eine recht mühsame Angelegenheit, denn die Wärme hat dem Schnee zugesetzt, sodass der Harschdeckel unter den Bergschuhsohlen oft bricht und ich nicht selten bis zu den Knien im kristallenen Weiß versinke. Doch schließlich ist der Sitz erreicht.
Während ich mich für eine lange Fuchs­passnacht gemütlich einrichte, schreckt in einem büchsenschussentfernten Waldstück ein Reh, und von weiter oben am Hang dringt das heisere Bellen Reinekes zu mir herab.

Wie in einer anderen Welt
Bald habe ich alles hergerichtet, mich in den ­lodenen Ansitzsack hineingezwängt, und lasse meinen Blick über die weißen Weiten schweifen. Zwar bläst mir hin und wieder ein böiger Wind entgegen, doch aufgrund der lauen Witterung ist er nicht unangenehm. Langsam komme ich zur Ruhe und nehme den unvergleichlichen Zauber einer mondhellen Schneenacht in mich auf. Schon als kleiner Bub hat mich diese Stimmung in ihren Bann gezogen – und sie tut es heute noch. Es ist wie ein Gang in eine fremde und zauberhafte Welt; eine Welt, die für gewöhnlich in schattiger Finsternis liegt und nur gelegentlich dem Licht ihre Tore öffnet, sodass sich ­geheime Wunder erschauen lassen, die sonst im Ver­borgenen liegen. Eine einzigartige Mischung aus Spannung und Entspannung, aus Erwartung und Überraschung, aus Sehen und Hören, aus Ahnen und Fühlen ist es, die diesen hellen Nächten eine so faszinierende Aura verleiht.

Mein Bodensitz thront auf einem haushohen Hügel, der Teil einer mehrere Hundert Meter langen Böschungskante ist, welche in Ost-­West-Richtung die ansonsten tischebene Wiese in eine obere und eine untere Hälfte teilt.

Vom Wiesenausläufer her plätschert ein ­zahmer Bach in meine Richtung, rechts an einem Schuppen vorüber, beschreibt dann einen sanften Bogen, um doppelt schrotschussweit zu meiner Linken vorüberzufließen.

Rechts von meinem Bodensitz steigt das ­Gelände zur nachts kaum befahrenen Hauptstraße hin sanft an und wird erst etwas oberhalb von dieser steil. Von dort rinnt ein kaum mehr als schuhbreites Bächlein – stellenweise unter der Schneedecke – den Hang herab und versickert unweit des Bodensitzes. Aus dieser Richtung ist mir in den vielen Schneenächten, die ich hier schon verhockt habe, noch nie ein Fuchs gekommen. Deshalb und damit ich etwas geschützter bin, lasse ich das rechte Fenster geschlossen.

...

Artikel in der aktuellen Ausgabe ab Seite 32. 

Neugierig geworden? Hier das WEIDWERK-Schnupperabo bestellen!

Diese Website verwendet Cookies nhere Informationen dazu und zu Ihren Rechten als Benutzer finden Sie in unserer Datenschutzerklrung. Klicken Sie auf Ich stimme zu, um Cookies zu akzeptieren oder verwalten Sie Ihre Cookies selbst.